OM3 vs. OM4 vs. OM5 vs. OS2: Fasertypen im Vergleich
Kaum eine Planungsentscheidung wirkt so lange nach wie die Wahl des Fasertyps: Die verlegte Faser bleibt Jahrzehnte im Netz, während die aktive Technik alle paar Jahre wechselt. OM3, OM4 und OM5 auf der Multimode-Seite und OS2 als Singlemode-Klasse decken heute praktisch alle Anwendungen ab — aber mit sehr unterschiedlichen Reichweiten, Kostenprofilen und Zukunftsreserven. Dieser Vergleich liefert die Standardreichweiten für 10, 40 und 100 Gigabit Ethernet, die Farbcodes zur sicheren Identifikation und eine klare Empfehlung, welcher Fasertyp zu welchem Projekt passt.
Die vier Fasertypen in der Übersicht
| Kriterium | OM3 | OM4 | OM5 | OS2 |
|---|---|---|---|---|
| Faserklasse | Multimode 50/125 µm | Multimode 50/125 µm | Multimode 50/125 µm (WBMMF) | Singlemode 9/125 µm |
| Mantelfarbe (Farbcode) | Aqua (Türkis) | Aqua bzw. Erika-Violett | Limettengrün | Gelb |
| 10G Ethernet (10GBASE-SR bzw. -LR) | 300 m | 400 m | 400 m | 10 km |
| 40G Ethernet (40GBASE-SR4 bzw. -LR4) | 100 m | 150 m | 150 m | 10 km |
| 100G Ethernet (100GBASE-SR4 bzw. -LR4) | 70 m | 100 m | 100 m (SWDM4: 150 m) | 10 km |
| Betriebswellenlänge | 850 nm | 850 nm | 850–953 nm (SWDM) | 1310 / 1550 nm |
| Typischer Einsatz | LAN, kleinere RZ (Bestand) | Rechenzentrum, Campus kurz | RZ mit SWDM-Perspektive | FTTH, Backbone, Weitverkehr |
Die Reichweiten entsprechen den Standardangaben der jeweiligen IEEE-Ethernet-Varianten; herstellerspezifische Optiken können darüber hinausgehen, sind aber keine Planungsgrundlage.
OM3: der etablierte Multimode-Einstieg
OM3 ist die laseroptimierte 50-µm-Multimode-Faser der ersten 10G-Generation: 300 Meter bei 10GBASE-SR reichen für die meisten Gebäude- und Etagenverkabelungen. Bei 40G und 100G über Paralleloptik (SR4) schrumpft die Reichweite jedoch auf 100 beziehungsweise 70 Meter. Für Neuinstallationen ist OM3 nur noch dann sinnvoll, wenn die Strecken kurz sind und das Budget dominiert — der Aufpreis zu OM4 ist in den letzten Jahren deutlich geschmolzen.
OM4: der Rechenzentrums-Standard
OM4 nutzt dieselbe Geometrie wie OM3, bietet aber eine höhere modale Bandbreite und damit mehr Reichweite: 400 Meter bei 10G, 150 Meter bei 40G-SR4 und 100 Meter bei 100G-SR4. Damit deckt OM4 die typischen Distanzen in Rechenzentren und auf kurzen Campus-Verbindungen ab und ist heute der Standard für Multimode-Neuinstallationen. Wie OM4-Verkabelung mit MPO-Paralleloptik für höhere Datenraten zusammenspielt, zeigt unser Beitrag MPO vs. LC für 400G im Rechenzentrum.
OM5: Multimode mit Wellenlängen-Multiplex
OM5 (Wideband Multimode Fiber) erweitert das nutzbare Fenster von 850 auf 953 Nanometer und ist für SWDM ausgelegt: mehrere Wellenlängen auf einem Faserpaar statt acht parallele Fasern. Mit 100G-SWDM4 sind bis zu 150 Meter über ein Duplex-Paar möglich. In der Reichweite klassischer SR4-Anwendungen verhält sich OM5 wie OM4 — der Mehrwert entsteht erst mit SWDM-Optiken. Praktisch relevant ist OM5 daher für Rechenzentren, die Faserzahl sparen wollen und die SWDM-Roadmap ihrer Transceiver-Lieferanten ernsthaft eingeplant haben. In unserem Spleißbox-Sortiment ist OM5 als Variante verfügbar (erkennbar am limettengrünen Farbcode).
OS2: Singlemode für alles, was weiter als das Rack reicht
OS2 ist die Singlemode-Klasse für Außenanwendungen und lange Strecken: Mit einer Dämpfung von rund 0,35 dB/km bei 1310 nm (und noch weniger bei 1550 nm) überbrückt sie mit 10G/40G/100G-LR4-Optiken standardmäßig 10 Kilometer — und mit entsprechenden Optiken weit mehr. Im FTTH-Ausbau, in Stadtnetzen und im Backbone führt kein Weg an OS2 vorbei; auch in neuen Rechenzentren wächst der Singlemode-Anteil, weil 400G und 800G die Multimode-Reichweiten weiter verkürzen. Die Grundsatzentscheidung beleuchtet unser Beitrag Single-Mode vs. Multimode ausführlich.
Entscheidungshilfe für die Praxis
- FTTH, Stadtnetz, Backbone, Gebäudeanbindung über 400 m: immer OS2 — Reichweite und Zukunftssicherheit sind konkurrenzlos.
- Rechenzentrum und Campus bis 150 m: OM4 als Standard; OM5 nur bei konkreter SWDM-Strategie.
- Bestandserweiterung auf OM3: kurze Strecken weiterbetreiben, bei 40G/100G-Plänen Reichweiten prüfen und Migration auf OM4 oder OS2 einplanen.
- Mischinfrastruktur: sauber trennen und farblich dokumentieren — Aqua/Violett (OM3/OM4), Limettengrün (OM5) und Gelb (OS2) verhindern Verwechslungen am Patchfeld.
Wichtig: Multimode- und Singlemode-Komponenten sind nicht kompatibel — Spleißboxen, Pigtails und Patchkabel müssen durchgängig zum Fasertyp passen. Unsere in Europa gefertigten F4P-Spleißboxen der SB-Serie sind deshalb durchgängig in OM3-, OM4-, OM5- und OS2-Bestückung erhältlich, jeweils mit LC- oder SC-Konfektion; das komplette Sortiment finden Sie im Online-Shop. Weitere Grundlagenbeiträge bündelt unser Glasfaserwissen.
Dämpfungsbudget je Fasertyp durchrechnen
Ob eine geplante Strecke mit dem gewählten Fasertyp funktioniert, entscheidet nicht die Reichweitentabelle allein, sondern das Dämpfungsbudget aus Faserdämpfung, Spleißen und Steckverbindungen. Mit unserem kostenlosen Planungs-Tool, dem Dämpfungsrechner, prüfen Sie Ihre Strecke in wenigen Minuten; die methodischen Grundlagen erklärt der Praxisleitfaden Dämpfungsbudget berechnen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen OM4 und OM5?
Beide sind 50-µm-Multimode-Fasern mit identischen Reichweiten bei klassischen SR4-Anwendungen. OM5 spezifiziert zusätzlich das Wellenlängenfenster bis 953 nm und ermöglicht so SWDM: mehrere Wellenlängen über ein Duplex-Faserpaar, etwa 100G-SWDM4 bis 150 Meter. Der Mehrwert von OM5 entsteht also erst mit SWDM-Optiken, nicht bei herkömmlicher Paralleloptik.
Wie weit reicht OM4 bei 10, 40 und 100 Gigabit?
Nach den Standardangaben der IEEE-Varianten erreicht OM4 400 Meter bei 10GBASE-SR, 150 Meter bei 40GBASE-SR4 und 100 Meter bei 100GBASE-SR4. Das deckt typische Rechenzentrums- und kurze Campus-Distanzen ab. Für längere Strecken oder höhere Datenraten führt der Weg zu OS2-Singlemode mit LR-Optiken.
Welche Farbe hat welcher Fasertyp?
Der Mantel-Farbcode schafft Ordnung am Patchfeld: OM3 ist Aqua (Türkis), OM4 Aqua oder Erika-Violett, OM5 Limettengrün und OS2 Gelb. Die Farbcodierung ersetzt keine Beschriftung, verhindert aber die häufigste Fehlerquelle in Mischumgebungen — das Patchen zwischen inkompatiblen Fasertypen.
Wann lohnt sich OS2 statt Multimode im Rechenzentrum?
Sobald Strecken über die SR4-Reichweiten hinausgehen oder die Roadmap 400G und mehr vorsieht: Mit jeder Datenratengeneration schrumpfen Multimode-Reichweiten, während OS2 mit passenden Optiken standardmäßig 10 Kilometer überbrückt. Multimode bleibt attraktiv, wo kurze Distanzen dominieren und die günstigeren 850-nm-Optiken den Faseraufpreis überkompensieren.
Kann ich OM3 und OM4 mischen?
Physikalisch lassen sich beide spleißen und patchen, da Geometrie und Wellenlänge identisch sind — die Strecke verhält sich dann aber insgesamt nur wie OM3. Für die Planung gilt deshalb: Reichweiten immer nach dem schwächsten Glied rechnen und gemischte Strecken in der Dokumentation eindeutig kennzeichnen.
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